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FOKUS BILDUNG:

Was PISA uns lehrt:
Bildungsgerechtigkeit als Schlüssel

FOKUS BILDUNG:

Was PISA uns lehrt:
Bildungsgerechtigkeit als Schlüssel

Die dieser Tage veröffentlichte PISA-Studie zeigt es eindrücklich und bedrückend zugleich: Die PISA-Kompetenzen sind auf einem historischen Tiefpunkt. Die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler im Test 2025 sind so alarmierend ausgefallen, wie es die Entwicklung der vergangenen Jahre bereits befürchten ließ. Noch nie erzielten deutsche 15-Jährige in der international wichtigsten Vergleichsstudie schlechtere Ergebnisse in Deutsch, Mathe und Naturwissenschaften – nicht einmal im Jahr 2000, als der erste „PISA-Schock“ eine breite bildungspolitische Debatte auslöste. 

Bildungsexperten sprechen von einem „Alarmsignal erster Güte“.[1] Für Bund und Länder könne das nur ein Weckruf höchsten Grades sein. Drängender denn je stellt sich die Frage, wann die Politik bereit ist, Bildung nicht länger vor allem entlang föderaler Zuständigkeiten und parteipolitischer Interessen zu organisieren. Sukzessive verliert Bildung sowohl in den Haushaltsbudgets als auch in den politischen Debatten an Relevanz, möchte man meinen. Stattdessen müsste sie als gemeinsame nationale Aufgabe verstanden werden – getragen von Bund und Ländern, langfristig geplant und mit deutlich größeren finanziellen Mitteln ausgestattet. 

Was in der PISA-Studie besonders deutlich zu Tage tritt: In kaum einem anderen Land hängt der Bildungserfolg so stark von der sozialen Herkunft ab wie in Deutschland. Zwischen den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten und den privilegiertesten Jugendlichen liegen Leistungsunterschiede, die vier bis fünf Schuljahren entsprechen. Gerade einmal zwei Prozent der jungen Menschen aus sozioökonomisch schwächeren Elternhäusern schaffen es in die Gruppe der leistungsstärksten Schülerinnen und Schüler.[2] Das heißt im Kern: Wer in Armut aufwächst, hat in Deutschland nur geringe Chancen, sich durch Bildung gesellschaftlich nach oben zu arbeiten. Niedriges Einkommen, ein niedriger Bildungsstand der Eltern sowie fehlende Unterstützungsmöglichkeiten im familiären Umfeld wirken sich stark auf Bildungswege, Kompetenzerwerb und Zukunftschancen aus. Dies zeigen nicht nur die aktuelle PISA-Studie und der ifo-Chancenmonitor,[3] sondern insbesondere auch der jüngst veröffentlichte Nationale Bildungsbericht.[4] 

Bildungsgerechtigkeit schaffen 

Bildungsgerechtigkeit zu schaffen – das ist eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit. Nicht nur in der Altersgruppe der PISA-Probanden, sondern bereits weit zuvor zeigen sich besorgniserregende Tendenzen: Zu viele Kinder erreichen bereits am Ende der Grundschule nicht die notwendigen Basiskompetenzen im Lesen, und immer mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss. 

Der Bildungsforscher Prof. Dr. Kai Maaz beschreibt die Lage ernüchternd: In vielerlei Hinsicht stehen wir heute dort, wo wir bereits vor 25 Jahren standen. Trotz zahlreicher Programme, Reformen und Investitionen prägt die soziale Herkunft den Bildungserfolg weiterhin erheblich – beim Zugang zu Bildungseinrichtungen ebenso wie bei den erreichten Kompetenzständen. Maßnahmen wie das Startchancenprogramm setzen wichtige Impulse, doch häufig wirken Förderprogramme punktuell und greifen nicht ausreichend ineinander. Bildungsungleichheit manifestiere sich bereits grundsätzlich in struktureller Benachteiligung.  

„Viele Probleme, die in Schule sichtbar werden, sind gar kein Problem von Schule“, so Maaz. Bildungsungleichheit entsteht vielfach schon vor dem Schuleintritt – etwa beim Spracherwerb, in frühen kognitiven Entwicklungsprozessen, durch unterschiedliche soziale Erfahrungen und die Unterstützung im Elternhaus. Was in den ersten Lebensjahren versäumt wird, lässt sich später nur mit erheblichem Mehraufwand ausgleichen. 

Verschärft wird die Situation seit Jahren zusätzlich durch Internet und Medien: Nur wer zuhause medienkompetente Eltern hat, hat später die Chance auf eine gesunde und aufgeklärte Teilhabe an unserer digitalen Gesellschaft. Online-Angebote kritisch hinterfragen, gehirnwachstumsgerechte Medienzeiten, ein differenzierter Blick auf soziale Medien und das Verständnis dafür, wie digitale Plattformen Aufmerksamkeit binden und Inhalte auswählen – vielen jungen Menschen fehlen hier Vorbilder und Entwicklungsunterstützung. Empfehlungen zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs sowie wissenschaftliche Erkenntnisse und Studien zu den physischen, wie psychischen Auswirkungen häufen sich in den vergangenen Jahren, weil die Auswirkungen auf die Individuen ebenso deutlich sichtbar sind wie die Herausforderungen, die dadurch für uns als Gesellschaft entstehen. 

Stellvertretend sei hier z.B. die Abhandlung aus der Entwicklungspsychologie „Screen Time and the Developing Brain: A Systematic Review of Neuroimaging Findings in Children 0-12 Years“ (Nimmo, E., & Chau, M. (2026)) genannt. Bei vielen Kindern war in der Studie die höhere Bildschirmexposition mit Unterschieden in der Gehirnentwicklung assoziiert, darunter geringere kortikale Dicke, Unterschiede in grauer und weißer Substanz und veränderte Konnektivität in den neuronalen Netzwerken, die unter anderem Sprache, Aufmerksamkeit und Emotionsregulation unterstützen. Wie in der „Karolinska-Studie“ wird aber auch hier festgestellt, dass Art, Dauer und Kontext der Mediennutzung entscheidend sind und eine einfache kausale Aussage im Sinne von „Bildschirmzeit schädigt das Gehirn“ nicht verifizierbar ist. Medienbildung, der Erwerb von Medienkompetenz und das Lernen mit und über Medien werden im Gegenteil heute von vielen Experten sogar als Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe betrachtet. 

Digitalität als Maßnahme zur Bildungsgerechtigkeit 

Deshalb zeigt sich Bildungsgerechtigkeit sowohl in pädagogischen Konzepten als auch in technischen und organisatorischen Fragen. Wer keinen verlässlichen Zugang zu digitalen Geräten, Lernplattformen, Internet, verständlicher Kommunikation oder barrierearmen Prozessen hat, ist schnell ausgeschlossen. Digitale Teilhabe ist ein essenzieller Teil von Bildungsgerechtigkeit in einer immer stärker digitalisierten Welt. In unseren Medienentwicklungsprojekten mit Kunden ist es deshalb von zentraler Bedeutung, Geräte nicht technisch zu planen, sondern Nutzung, Wartung, Datenschutz, Fortbildung, Support und pädagogische Einbettung möglichst umfassend mitzudenken. In einer digitalen Gesellschaft müssen junge Menschen lernen, sich sicher, verantwortungsvoll und kritisch zu bewegen. Dazu gehören Medienkompetenz, Datenschutzwissen, ein Verständnis für Rechte und Pflichten, respektvolle Kommunikation, der Umgang mit Informationen und die Fähigkeit, digitale Werkzeuge sinnvoll einzusetzen. So ist Schule nicht „nur“ Lernort für fachliches Wissen, sondern auch Erfahrungsraum für soziale Kompetenzen und das Zusammenleben in einer digitalen Demokratie. 

Damit erhält Bildungsgerechtigkeit noch eine weitere Dimension: Sie ist auch eine Voraussetzung für demokratische Teilhabe. Demokratische Urteilsfähigkeit verlangt gerade in politisch stürmischen Zeiten, dass junge Menschen lernen, überprüfbare Informationen von Behauptungen und Desinformation zu unterscheiden, grundlegende Menschenrechte einzuordnen, Quellen kritisch zu bewerten und zu verstehen, wie Gruppendynamiken, Emotionalisierung, soziale Zugehörigkeit und durch Algorithmen gesteuerte Informationen Wahrnehmungen und Meinungsbildung beeinflussen können. Medienkompetenz ist deshalb immer auch Demokratiekompetenz. 

 

Fazit 

Wenn Bildung gerechter werden soll, müssen pädagogische Konzepte, frühe Förderung, Elternkommunikation, Ganztag, Schulentwicklung, technische Ausstattung und sozialräumliche Unterstützung zusammengedacht werden. 

Ein ganzheitlicher Blick auf junge Menschen und die Herausforderungen einer digitalen Gesellschaft ist entscheidend. Familie, Kita, Schule, Jugendhilfe, Kommune, außerschulische Bildungsorte, Peergroups und digitale Räume prägen Bildungswege gemeinsam. Wenn diese Bereiche nebeneinander arbeiten, entstehen Brüche. Wenn sie zusammenarbeiten und kooperieren, können tragfähige Unterstützungssysteme entstehen. 

Am Ende steht, nicht erst seit PISA, eine klare Aufgabe: Wir müssen Bildung so organisieren, dass sie nicht vom Einkommen, Bildungsstand oder Engagement der Eltern abhängt. Bildungsgerechtigkeit beginnt beim Zugang (und zwar in der heutigen Gesellschaft nicht zuletzt beim Zugang zu Digitalität) – aber sie endet dort nicht. Sie braucht Qualität, Verlässlichkeit, Orientierung und Strukturen, die Kinder und Jugendliche früh erreichen und langfristig begleiten. Nur wenn wir aufhören, Ungleichheiten erst dann zu bearbeiten, wenn sie bereits sichtbar geworden sind, wird Schule zu dem, was sie sein sollte: ein Ort, an dem Herkunft nicht über Zukunft entscheidet. 

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